Abstraktion begegnet Figuration №2
Dorothee Schraube-Löffler und Johannes Braig

Graf-Zeppelin-Haus
Olgastraße 20, 88045 Friedrichshafen

Ausstellung: 17. Dezember 2017 bis 27. Januar 2018
Besichtigung: zu den Veranstaltungen und nach Vereinbarung

Kontakt:
Dorothee Schraube-Löffler: 0751.21137 oder 0160.4468961
Johannes Braig: 0151.26035340 | joh.braig @web.de

Auszug aus der Laudatio von Andrea Dreher:

... Johannes Braig und Dorothee Schraube-Löffler stehen stellvertretend für zwei Künstlerleben, die keine Kompromisse eingehen wollen, sondern sie arbeiten konzentriert, stetig und autonom.

Schon während seines Kunststudiums an der Hochschule der Künste Berlin als Meisterschüler bei Leiko Ikemura keimte in Johannes Braig die Lust, sich der weiblichen Figur zu widmen. Beeindruckt von großen Malern wie Matisse und Gauguin entdeckte er die Freude an figurativer Malerei, allein die Zeit und das Umfeld an der Akademie setzten damals andere Prioritäten. Da Braig seine Frauenbilder von Anfang an nicht als reine Aktmalerei verstand, sondern eher als eine Hommage an das Weibliche in der Welt, fehlte dem noch jungen Maler der Rückhalt für seine Motive und er begann ein Archiv aufzubauen, aus dem er erst Jahre später schöpfen sollte. Ein Leitgedanke für dieses künstlerische Archiv stammt von dem Maler Max Ernst, den Braig gern mit folgendem Satz zitiert: „Die Nacktheit des Weibes ist weiser als die Lehre des Philosophen“. Der vorübergehende Rückzug aus der Figuration und daraus resultierend die Suche nach einer neuen malerischer Positionierung führte Johannes Braig zur Abstraktion. Braigs Bilder und Objekte leben von Farbe, ihre Bestimmung ist die subjektive Ausdrucksfarbe, mit dem Ziel, mittels Farbe möglichst große Autonomie für das Bild zu erzielen. Braigs Kunst entwickelte sich lange Jahre über die Farbe als Kompositionsprinzip, bis er eines Tages die Figur wieder entdeckte. Die Bilder des großen Francis Bacon waren mit ein Auslöser, dass Johannes Braig vor einigen Jahren den Mut fasste, Farbe und Figur miteinander zu verbinden. In seinem Archiv der „weiblichen Figur“ schlummerten zahllose Körper und schienen nur darauf gewartet zu haben, in imaginären Räumen ein malerisches Zuhause zu finden. Die Imagination dieser Räume erreichte Johannes Braig durch die konsequente Entscheidung für eine Hintergrundfarbe.

Der Reiz jener suggestiven großformatigen Farbflächen sei dem Zauber spätbarocker Farbigkeit geschuldet gewesen, so Johannes Braig. Seit vielen Jahren verzichtet der Maler übrigens bewusst auf die Entwicklung eines Bildraums mit Vorder- und Hintergrund, denn er fordert für sein künstlerisches Werk die Verselbständigung von Malerei ein, will sagen, Kunst solle niemals eine zweite Realität fingieren, sondern solle sich vielmehr als figurativ-gestischer Imperativ verstehen. In seinen hier ausgestellten neuen Arbeiten blicken wir auf Köpfe, maskenhafte Fratzen, Grotesken, wir sehen stiere Blicke, glotzend gaffende Wesen, großformatig und durchaus irritierend. „Wenn ich vernünftig wäre, würde ich nur noch kleine Formate malen“, sagte er im Gespräch. Aber nein, er will nicht vernünftig sein, sondern fuhr nach Madrid in den Prado, stand vor opulenten Barock-Porträts und beschloss, auf diese malerischen Vorbilder in seiner ihm eigenen Bildsprache im selben Format zu reagieren. Diesen Adaptionen an barocke Bildnisse hat sich noch eine weitere Leidenschaft dazugesellt, nämlich Comics wie Southpark, American Dad, Zombies in Manhattan etc.. Johannes Braig erfindet in seinen Bildern Typen, deren Wesen sich uns Betrachtern nicht wirklich erschließen. Ist es Mensch, ist es Tier, ist es Symbol, oder sehen wir einfach nur „Opfer kaputter Dialoge“, so Johannes Braig. Denn sein Vorwurf an uns Zeitgenossen lautet, nicht mehr richtig sehen zu können, weswegen er seine Malerei auch als eine Art friedliche, aber durchaus subversive Waffe sieht, um gegen die Verrohung, Verdummung und Ästhetisierung dieser Welt proaktiv vorzugehen.

In der Begegnung mit den Arbeiten von Dorothee Schraube-Löffler bekommen  Braigs Bilder die nötige Luft zum Atmen und einen ausgleichenden künstlerischen Gegenpart, ohne sich jemals in eine Konkurrenzsituation zu begeben. Denn auf ein Kräftemessen wollen sich diese beiden nicht einlassen!

Dorothee Schraube-Löffler blickt auf ein Leben zurück, das sich mitunter wie aus einem kunsthistorischen Lehrbuch liest. Ihre Kindheit verbrachte sie in Oberlenningen nahe Kirchheim / Teck, wo sie im Jahr 1950 als einziges Mädchen Abitur gemacht hat. Ihr Vater, Ingenieur in einer Papierfabrik, war ein kunstinteressierter und künstlerisch begabter Mann, der während des Krieges in den 1940er Jahren die beiden vom Hitler-Regime verfemten Künstler Willi Baumeister und Oskar Schlemmer heimlich mit Papier versorgte, was seine Tochter Dorothee am Rande mit bekam. Zwar hatte sie ursprünglich den Wunsch, Medizin zu studieren, aber die begehrten Medizin-Studienplätze waren damals zunächst den Kriegsheimkehrern vorbehalten. So eröffnete die Abiturientin Dorothee ihrer verwitweten Mutter, sie wolle nun Kunst studieren. Diese Entscheidung traf zunächst auf wenig Begeisterung, aber als Willi Baumeister der Mutter erklärte, dass das Studium des Textildesigns an der Stuttgarter Akademie sehr anerkannt sei und eine gute berufliche Zukunft verspreche, waren die Wogen wieder geglättet. Dieser Empfehlung folgend studierte die junge Dorothee Löffler und bei Prof. Harni Ruland Textildesign und bei Prof. Willi Baumeister Malerei. Dank eines Stipendiums verbrachte sie das Jahr 1953 in Paris an der Academie des „Beaux Arts“, was einen ersten spannenden Höhepunkt im Leben der selbstbewussten angehenden Textildesignerin darstellte.

Im Baienfurter Wohnzimmer der Künstlerin hängt noch ein Webteppich aus der Akademiezeit, der die Kraft jener Jahre der aufbrechenden Moderne atmet. Dorothee Schraube-Löffler war während ihres Studiums unmittelbar in die Stuttgarter Kunstszene der Nachkriegszeit involviert. Sie entdeckte die Moderne, und wie andere Junge hatte auch sie den Mut, nach vorne zu blicken und die -Ismen und den Muff der Vergangenheit  in die Schubladen zu verbannen. Diesem Webteppich lag im Übrigen ein gemaltes Bild zugrunde, das im Kurs von Willi Baumeister entstanden war. Der Professor erkannte sehr früh die Begabung Dorothee Löfflers im Umgang mit Stoffen und Material. So riet er ihr „Mädle, web dein Bild, dann ist es noch stärker“. Ein sehr überzeugendes neueres Webbild sehen wir auch in der aktuellen Ausstellung.

Wir sehen in dieser Ausstellung viele Werke, in denen das Thema Blattgold dominiert. „Das Gold war auf einmal da“, sagt sie, und in der Verbindung des Goldes mit „einfachen“ Materialien wie Wellpappe, Stoff und Naturmaterialien entwickeln die Arbeiten von Frau Schraube-Löffler eine malerische Qualität, die erst im Spiel mit Licht und Schatten ihre Wirkung entfalten. In der christlichen Malerei war der Goldgrund seit dem 4. Jahrhundert bis zum Ende des Mittelalters üblicher Hintergrund von Heiligendarstellungen. Erst um 1500, mit der Entdeckung der Perspektive, verschwand der raumlose, goldene Flächengrund. Der Weg vom punzierten Goldhintergrund einer frühmittelalterlichen Madonnen- oder Heiligendarstellung  zu einem freien Umgang der Farbe Gold, wie wir sie heute hier sehen können, war ein langer und sehr bedeutungsvoller. Dorothee Schraube-Löffler kennt diesen historischen Kontext und selbstbewusst experimentiert sie unaufhörlich mit der sog. Freiheit der Farbe Gold. So untersucht sie in ihrem Werk das Wechselspiel von Weißgold, Grüngold und Gelbgold, mal lässt sie dem Blattgold mehr Materialcharakter auf der Arbeit, mal überpinselt sie die Blättchen, um die Monochromie und Wirkung der Farbe in den Mittelpunkt der Arbeit zu rücken. Gold ist nie Gold, es wechselt mit jedem Licht seine Aura und lässt jedem Kunstwerk sein Geheimnis. Gold ist auf jeden Fall immer ein besonders anspruchsvoller Lichtträger, denn „Die Lichtwirkung ist mir ganz wichtig“, sagte die Künstlerin mehrfach in unseren Gesprächen.
Wenn Dorothee Schraube-Löffler zur Farbe, z.B. zum Blau, greift, tut sie dies ganz entschieden und souverän. Von Cézanne ist folgender Satz überliefert, der sich wie ein Kommentar zu ihren Arbeiten liest: “Die Natur, ich habe sie kopieren wollen, es gelang mir nicht, aber ich war mit mir zufrieden, als ich entdeckt hatte, daß die Sonne sich nicht darstellen läßt, sondern daß man sie repräsentieren muß durch etwas anderes, durch die Farbe".

Ebenso klar wie ihre Farbwahl und ihre Verwendung von Material ist bei Dorothee Schraube-Löffler die Bevorzugung des Quadrats als Bildträger. Beim Quadrat gibt es kein Konkurrieren der Seitenlängen um das Hoch-oder Querformat, im Quadrat sind Farbe und Fläche gleichberechtigt vertreten. Dem Quadrat liegt eine Ruhe zugrunde, die sich vom Format über die Farbe auf den Betrachter überträgt. Im Quadrat liegt höchstmögliche Konzentration gespeichert; so war es nicht per Zufall ein schwarzes Quadrat, mit dem Kasimir Malewitsch den Kunstbegriff der Moderne radikal veränderte. Die formalen Kriterien und der kompositorische Aufbau eines Kunstwerks sind für Dorothee Schraube-Löffler seit ihrem Studium bei Willi Baumeister unverrückbare Paradigmen für ihr Kunstschaffen. „Es ist fertig, wenn ich formal zufrieden bin“, sagte sie im Gespräch.

Ihre meist quadratischen Formate sind daher von großer formaler Strenge und von einer besonderen Konzentration auf Strukturen geprägt. Jedes Werk, ob im großen Format oder als Miniatur, ist stets Teil einer Serie, die im Zusammenspiel an der Wand ihre Poesie entfaltet.

Es sei die Liebe zum Ornament, welche seine Arbeiten und die von Dorothee Schraube-Löffler verbinde, so Braig. Während er sich eher in der katholisch-weltlichen Tradition verhaftet fühle, verkörpere seine Kollegin die protestantische Sicht und lebe Bauhaus-Ideen weiter.
Barock versus Bauhaus, wer ist hier der alte und wer der junge?
Gold gegen Farbe, wer ist hier sakral und wer profan?
Zeitlos oder zeitnah, wer ist hier der nachhaltigere?
Groß gegen klein, wer hat hier die größere Schlagkraft?

Ja, an dieser Begegnung dieser beiden Künstlerwelten kann man sich durchaus reiben, denn im Hin und Her zwischen Gold und Fratze oder zwischen Blau und Körper werden durchaus Stresshormone freigesetzt, die uns diesen Rundgang durch diese Ausstellung weniger erleichtern, sondern in einen veritablen Parforceritt durch die Welt der Oberflächen, Strukturen, Linien und Pinselstriche verwandeln.

In seinem Buch „So geht Kunst“ schrieb das Enfant terrible der zeitgenössischen britischen Kunstszene Grayson Perry folgendes: „Manchmal habe ich das Gefühl, eines der Dinge, das etwas als Kunst definiert, ist, dass es ziemlich langweilig ist: Es hat wenig Unterhaltungswert, macht wenig Vergnügen. Ich glaube, im zeitgenössischen Umfeld ist einer der beleidigendsten Begriffe zur Beschreibung eines Kunstwerks ‚dekorativ‘. Aber dekorativ zu sein, ist etwas sehr Nobles. Und dieser Gedanke, Kunst sein nicht vergnüglich, ist falsch. Leo Tolstoi schrieb: ‚Um die Kunst genau zu definieren, muss man vor allen Dingen aufhören, sie als Mittel zum Genuss zu betrachten, dagegen muss man in der Kunst eine der Bedingungen des menschlichen Lebens sehen‘.“ Dieses doppelten Tolstoi-Perry-Zitat scheint der ideale Epilog für eine Ausstellung zu sein, deren Begegnung nämlich genau darauf abzielt, Bedingungen menschlichen Lebens in Farbe und Form zu formulieren.

INTRODUCTION ET ALLEGRO IX – Gerhard van der Grinten für Johannes Braig

            Wer aber soll hausen in jenen Welten, wenn sie bewohnt sein sollten?
            Sind wir oder sie die Herren des Alls?
            Johannes Kepler

Der Weltenraum ist eine ziemlich ausgedehnte Sache. Und wenn da oben irgendjemand existieren sollte, mit dem ein Austausch möglich wäre, oder auch nur wünschenswert, so hindert uns an der konkreten Umsetzung der betrübliche Umstand, dass wir immer noch nicht imstande sind, uns mit WARP 4 durchs All zu bewegen, ja dass wir vermutlich nicht einmal in die Nähe der Lichtgeschwindigkeit reichen werden, was zwar rein theoretisch den Abflug in die unendlichen Weiten, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat, ermöglicht, aber niemals ein Ankommen. Übrigens hätten Aliens, so sie es denn geben sollte, dasselbe Problem. Was dann die Frage, wie man mit eventuellen Kontakten umzugehen hätte, zu einem gewissermaßen akademischen Problem geraten lässt. Und wie überhaupt kommunizieren? Nehmen wir an, die außerirdische Zivilisation ist so winzig, dass der erste Astronaut, der einen Fuß auf den fremden Planeten setzt, drauftritt; Oder sie äußert sich als intelligenter Sand – stürmt der dann?; Oder sie hätte, infolge beschleunigten Stoffwechsels, die Epochenspanne eines Eintagsfliegenlebenslaufes und wäre für uns mit einem Wimpernschlag vorbei. Oder, gesetzt einen freundlichen Fall, die Fremden wollten mit uns herzlich schwadronieren, täten dies aber in Form von Mikrowellen: dann wären wir tüchtig durchgegart, ehe wir auch nur die Begrüßungsformel mitbekommen hätten. Von subtileren interkulturellen Unterschieden und fatalen Mißverständnissen einmal gar nicht erst zu reden. Denn was wir da finden könnten, wird ja nun einmal ganz gewiß nicht so aussehen oder sich aufführen, wie, sagen wir, Catrop-Rauxel.

Als Herbert George Wells sich für den epochemachenden Roman Krieg der Welten als erster seine marsianischen Invasoren vorstellte, gab er ihnen die Gestalt einer besonders intelligenten und ziemlich unterschätzten irdischen Lebensform, Tintenfischen, und die Mentalität von Hard-Core-Kolonisatoren des Britischen Empires: Einmarschieren und Ausplündern bei gleichzeitigem völligen Fehlen von Empathie für die einheimischen Lebensformen und totalem Desinteresse an Diplomatie. Das war 1898 und die schneidende Sozialkritik des Wissenschaftsjournalisten Wells ganz offensichtlich. Gleichzeitig aber hat er auch das grundsätzliche Dilemma der außerirdischen Begegnung aufgespannt: wie nämlich soll der Fremde aussehen, wenn er nicht Gliedmaßen und Gesicht hat, Gestik, Mimik,  sondern stattdessen meinetwegen Szoork und Fnac, wenn er nicht an uns selbst erinnert, oder wenigstens an irgendetwas, was wir kennen, etwas, in das wir uns hineinversetzen können, sondern eventuell an eine statische Piet-Mondrian-Komposition. Und deswegen sind auch Hollywoods Weltraummonster in aller Regel humanoid und ganz ganz selten eine enorme Portion Götterspeise, oder etwas in dieser Richtung.

Dass also den Außerirdischen von Johannes Braig die Ähnlichkeit zu ihren Betrachtern eignet, hat  seinen Grund nicht nur notwendigerweise in der Natur der Sache, sondern vielmehr dem Umstand, dass sie ja ganz bewusst auf ein Kommunizieren angelegt sind. Nicht, dass sie nicht wirklich fremd genug wirkten. Auch, weil sie sich den Konventionen gängiger Schönheitsideale ganz bewusst verweigerten. Oder sie lustvoll deformierten. Aber ebenso unzweifelhaft nehmen sie Kontakt auf, nicht selten durch den Blick. Ein folgendes Augenpaar, wie es die Malerei der Renaissance für sich kultiviert hatte. Gelegentlich durch das geschlossene Visier eines Helmes. Bei dem man nicht ganz sicher sein kann, ob er nicht irgendwo nonchalant in den Körper übergeht. Und wenn das das eine oder andere genuin weibliche Alien wie Madame Récamier auf die Chaiselongue hingegossen scheint, dann mag man erst auf den zweiten oder dritten Blick verwundert feststellen, dass einem die Menge zusätzlicher Glieder, Fühler, Sensoren und Tentakel eben doch gar nicht so störend erscheint, wie wenn man sich zunächst auf ihre Anwesenheit konzentriert hätte.

Was nicht heißt, dass diese Wesen alle nicht doch sehr fremdartige wären. Manche sind fast skelettiert, bei anderen bildet eine Amplitude, ein Pulsieren von Linien die Gestalt. In denen Farbe dann genüssliche Akzente setzt. Überhaupt scheinen sie ja zwar ihren Ausgangspunkt in beständigen zeichnerischen Versuchen, Notaten, skizzenhaften Untersuchungen zu haben, schaffen dann aber spielend auch den Sprung auf die Leinwand und die lebensgroßen Dimensionen. Und was im Malerischen ganz bewusst zeichnerisch bleibt, linearbetont, Kontur, funktioniert dann doch erstaunlicherweise nicht weniger als Farbenraum. Den man gelegentlich wahlweise durchaus mit bengalisch oder geradezu unverschämt farbenfroh bezeichnen darf. Die Einwohner dieser Bilderwelten wirken fast wie ein Atlas von Erscheinungsformen, Varianten, Unterarten. Überaus bizarr, zuweilen befremdlich, manche spukhaft bis in die Groteske. Aber allesamt von einem überschäumenden funkelnden Humor.

25./26.XI.2017 Gerhard van der Grinten
Gestalt – Bewegung
Figurative Malerei und Zeichnung bei:

Brümmer Physiotherapie

Praxiszentrum Gänsheide

Libanonstraße 4
70184 Stuttgart-Ost (Gänsheide)
www.bruemmer-physiotherapie.de
Johannes Braig – On the Way to Outer Space

Ausstellung in der Kleinen Galerie Bad Waldsee
Eröffnung: 12. März 2017, 11 Uhr
Ausstellung von 12. März bis 23. April 2017

www.bad-waldsee.de
 
… On the Way to Outer Space, Unterwegs im Weltraum, hat Johannes Braig seine Ausstellung betitelt. Der Künstler zeigt einen Querschnitt durch seine aktuelle Werkgruppe von Porträts, die einer Spezies gewidmet ist, die seit jeher unsere Fantasien beschäftigt, unsere Vermutungen einlöst oder wenigstens bekräftigt und die einer unserer größten Sehnsüchte eine Form geben könnte: Die Versicherung, dass wir – die Menschheit – mit unserem Raumschiff Erde nicht allein unterwegs sind in den Weiten des Alls, sondern durchaus Kumpel treffen können, die eben nicht von hier sind. Allein die quälende Frage: sind es wohlgesonnene oder sind es übelwollende hält uns auf Trab, treibt uns in Spekulation, Fantasy und Science Fiction.

Johannes Braig hat die Frage für sich geklärt und stellt uns seine Aliens als Typen wie Du und Ich vor. Seine Aliens unterscheiden sich also gar nicht so sehr von den uns bekannten Lebensformen auf dem Heimatplaneten, zumindest nicht so gravierend wie früher, zu Marsmännchenzeiten, immer angenommen. Sicher, die Formen der Braigschen Außerirdischen wirken manchmal wie durch den Wolf gedreht, ja, verstreckt wie durch die Verzerrungsfilter eines Francis Bacon gesehen und die Farben grell und bunt. Und manche Aliens könnten geradezu Nachbarn sein. Manche könnten – je nachdem in welchem Zustand man gerade durch die Welt geht – sogar als eigenes Spiegelbild durchgehen, etwa nach einer durchfeierten Nacht oder nach groben Schnitzern der kosmetischen Chirurgie, etwa wenn aus einer Nasenkorrektur versehentlich eine Nasenamputation geworden ist.
 

Johannes Braigs Aliens menscheln also sehr. Das aber macht sie dann auch so unwiderstehlich, so vertraut, so sympathisch. Auf jeden Fall erscheinen uns diese Aliens nie so ganz fremd. Und so könnte man durchaus vermuten, dass sie längst unter uns sind, sich assimiliert haben, mit uns kommunizieren. … 

Auszug aus der Eröffnungsrede von Dr. Herbert Köhler [aica], Kunst- und Kulturpublizist




FORM & SPIEL

Dorothee Schraube-Löffler und Johannes Braig
Ausstellung in der Stadtgalerie Sundern







Vernissage: Sonntag, 28. Juni 2015 um 11 Uhr
Einführung: Anne Knapstein, Kuratorin
29. Juni bis 1. August 2015

Stadtgalerie Sundern • Lockweg 3 • 59846 Sundern
e-mail: kunsthaus-knapstein@gmx.de

http://schraubeloeffler.blogspot.de/

Fotos: Niklas Thiemann
Auszug aus der Eröffnungsrede von Andrea Dreher in Erolzheim














… Doch was ist, wenn Sehnsucht und Wirklichkeit aufeinander treffen, wie in den jüngeren Arbeiten dieser Ausstellung geschehen. Stellvertretend hierfür sei das Titelmotiv „Der Kunde ist König“ genannt?
 
Ein Auslöser für diese neue Werkserie waren die großformatigen Porträtfotos des deutschen Fotokünstlers Thomas Ruff und dessen passbildhafte Riesenaufnahmen von über zwei Metern Höhe. Charakteristisch für Ruffs Fotoarbeiten sind die Frontalsicht, fehlende Schatten und höchste Detailschärfe. Ruff erstellt Fotos wie Fahndungsbilder. Nichts bleibt dem Betrachter verborgen, keine Pore, kein Pickel. Ruff nutzt keine Weichzeichner, er verschönt nichts. Diese Einstellung teilt er mit Johannes Braig, der uns seit Jahren regelmäßig den imaginären Spiegel vors Gesicht hält. Komplementär zu seinen Sehnsuchtsbildern entstanden diese Bilder von Köpfen, deren expressive Mimik gnadenlos radikal ist.
 
Begegnen wir einem Menschen, so stellt sich neben der Frage nach der Wirklichkeit im Bild stets die Frage nach der Illusionswirkung unseres eigenen Blicks: Was gaukeln wir uns vor, wenn wir Menschen „auf den ersten Blick“ beurteilen? Sehen wir die Realität? Oder eher das, was wir sehen wollen?
 
Braigs großformatige Köpfe sind eine dezidierte Abkehr vom linearen Stil und eine Hinwendung zum malerischen Stil. Die Linie hat als Ordnungselement ihre Funktion an die Farbe abgegeben, mehr noch, die Farbe besetzt nicht mehr nur die Bildfläche, sondern sie springt dem Auge des Betrachters förmlich entgegen. In den Kopf-Bildern herrscht eine objekthafte Präsenz der Farbe vor. Die Leinwände sind teils plastisch ausgearbeitet und der starke Duktus des Künstlers zeugt von einer klaren Verortung dieser Bilder im Hier und Jetzt.
 
Kann die titelgebende Hommage an den Rokoko auch in diesen Kopf-Bildern greifen, bei denen es um klare Ansagen zu gehen scheint? Ja, denn in der Kunst des Rokoko stand nicht nur das Spiel mit Dekoration und Kulisse im Vordergrund, sondern im Rokoko wurde auf größtmögliche Bildwirkung Wert gelegt.
 
In ihrer Wirkung sind diese Köpfe nicht minder stark als die schemenhaften Figurationen. Ähnlich wie die Figuren entziehen sich auch die Köpfe einer eindeutigen Lesbarkeit im Bild. Diese Gesichter offenbaren ein Stück Wirklichkeit, sie sind entschieden subjektiv, radikal ehrlich, aber zugleich expressive Malerei und kein Fotorealismus. Als ihr Gegenüber werden wir Betrachter in andere Gedankenräume katapultiert, ohne diesen Prozess rational und bewusst steuern zu können. …
Andrea Dreher M.A.


www.marcdecoene.com
Sind Künstler Sinngeneratoren?

Ausstellung bei Oberwelt e.V.
Reinsburgstrasse 93, Stuttgart

www.oberwelt.de 



Ich habe nie behautet, dass Sie das nicht auch können! Aber warum sollten Sie es tun?

In Johannes Braigs Textbildern kommt eine tiefe Verunsicherung gegenüber dem eigenen künstlerischen Tun und den von der Gesellschaft aufgestellten Kunstparametern zum Vorschein. Sie stellen eine visualisierte Reflektion des Künstlers dar, die den Betrachter auf den ersten Blick an selbstgemachte Schilder erinnern, wie sie manchmal an einer Hofdurchfahrt auf dem Land zu finden sind.

Ein Schild gibt einen Hinweis oder eine Warnung. Auf jeden Fall übermittelt es an den Schauenden eine Information. Der moderne Mensch bewegt sich täglich in einem großen Schilderwald, der ihm in komprimierter Form den Weg zu seinen Bedürfnissen weist. Johannes Braig fügt diesen Zeichen seinen persönlichen Schilderwald hinzu. Buchstaben von selbstgemachten Schablonen übertragen, akribisch von Hand ausgemalt, manchmal mit farbigem Übermut überschüttet, geben tiefgründig banalisierte Weisheiten der künstlerischen „Aktivitätsmaschinerie“ bekannt.

Die bildende Kunst birgt die großen Geheimnisse unseres bildlichen Erbes. Der Künstler  beschaut die großen Taten seiner Vorfahren und je länger er das tut, desto fraglicher wird, wie sein Beitrag zu diesem Erbe aussehen kann. Johannes Braig reagiert auf seine Weise: Selbstbefragungen auf Leinwand und Holzbrettern, die vom Kunsteifer befreien sollen, dann aber direkt in die Kunst zurückführen.

So wird aus der Reflektion über Kunst direkt wieder Kunst. Gedankenrecycling in eherne Kunstform gegossen, die auf die Ewigkeit hofft.

… Alle geistige Tat ist ein Halt-Suchen vor der unfaßbaren, allem Denken ewig entgleitenden Fragwürdigkeit des Lebens: ein Halt-Suchen durch die schöpferische Gestaltung im Glauben religiöser Ergriffenheit, im Wissen rationaler Erkenntnis, in reiner Anschauung künstlerischer Formung. …
Dagobert Frey, Kunstwissenschaftliche Grundfragen
Nirgendland

In der Wort-Nuss-Schale U-TOPOS, Utopia, liegt neben "Nirgendland" die Einflüsterung einer genaueren Topographie. Deshalb durchbrachen die alten Erdichter von Harmoniestaaten die Schallmauer der unvollkommenen Wirklichkeit und verpflanzten ihre Utopien auf Inseln, Sonne, Mond und Sterne. Denn irgendwo muss Nirgendwo doch sein, Landkarten mußte es dort so zuverlässig geben wie Berichte und Gemälde. Exakt liegt Utopia im Schnittpunkt des verlorenen Paradieses, des Goldenen Zeitalters, der Insel der Seeligen und der machbaren Wohlstandsreiche. …
(Eugen Skasa-Weiß)
Nie mandsl and

Katalog
(No Man’s Land –Terrain neutre)

Texte: Andrea Dreher, Gerhard van der Grinten
Text: deutsch/englisch/französisch
128 Seiten mit 85 farbigen Abbildungen
23 x 27 cm. Leinen mit Schutzumschlag

Ernst Wasmuth Verlag GmbH & Co. Tübingen • Berlin
ISBN: 978 3 8030 3346 8

Preis: 24.80 € inkl. MwSt. zzgl. Versand

Hemmungslos entleert Johannes Braig Farbtöpfe auf Leinwände, tiefgründig banalisiert er Weisheiten der „Aktivitätsmaschinerie“ des Kunstbetriebs. Zudem schafft er eine ästhetisierende Figuration, in der er sich bewusst an das oberschwäbische Barock anlehnt.
Was auf den ersten Blick als nicht zu vereinender Gegensatz erscheint, verbindet sich bei ihm zu einer spannungsreichen Symbiose. Das Buch Niemandsland zeigt einen Überblick seiner künstlerischen Arbeit der letzten zehn Jahren.